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27. September 2021 – Deutschland hat gewählt. Die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz hat die Wahl gewonnen. Klar ist damit aber wenig. Die nun anstehenden Koalitionsgespräche werden spannend – vieles ist möglich.

Die Würfel sind gefallen

Die 60.5 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland haben gewählt. Die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat mit einem Stimmenanteil von 25.7% (+5.2%) die Wahlen gewonnen und damit die CDU/CSU als wählerstärkste Partei abgelöst. Die Union hat mit ihrem Ergebnis von 24.1% (-8.9%) gar einen historischen Tiefpunkt erreicht. Neben der SPD gehören die Grünen (14.8%) zu den Gewinnern, auch wenn das Resultat aufgrund der hohen Ambitionen eher enttäuschend ausgefallen ist. Ebenfalls leicht zulegen konnte die FDP (11.5%). Insgesamt hat ein klarer Linksrutsch stattgefunden. 

Entschieden ist allerdings wenig. Vom Tisch ist einzig eine Rot-Rot-Grüne Koalition, die für Deutschland höhere Steuern, Abgaben und mehr Regulierung bedeutet hätte – und aus wirtschaftlicher Sicht das «Worst Case» Szenario gewesen wäre. Rechnerisch gibt es nun drei mögliche Varianten: 

Ampel (SPD, Grüne, FDP)

Aufgrund des Wahlergebnisses wäre dieses Bündnis das naheliegendste. Es wäre die Koalition der drei «Gewinnerparteien». Hinzu kommt, dass Olaf Scholz in den Meinungsumfragen als Kanzler klar beliebter ist als CDU-Kontrahent Laschet. Die kritischen Verhandlungspunkte in einer solchen Koalition sind vor allem fiskalpolitische Themen. Die FDP hat sich klar gegen höhere Steuern und eine Aufweichung der Schuldenbremse ausgesprochen. 

Jamaika (CDU/CSU, Grüne, FDP)

Diese Variante wurde von Armin Laschet am Wahlabend als «Zukunftskoalition» bezeichnet – wohl auch weil es seine einzige Chance ist, das Kanzleramt zu übernehmen. Auch für die FDP wäre Jamaika die bevorzugte Variante. Wie weit allerdings die Grünen (und vor allem ihre Basis) zu einer solchen Regierung handbieten, bleibt offen. Bezüglich ihrer Klimaziele werden die Grünen sicherlich nicht zu Kompromissen bereit sein.

Grosse Koalition 2.0 (SPD, CDU/CSU) 

Eine solche Regierung würde wohl unter dem Prädikat «Weiterwursteln» laufen und kaum dem Wählerwillen entsprechen. Sollten aber die Koalitionsverhandlungen der Dreierbündnisse scheitern, könnte es zur Neuauflage der GroKo unter der Leitung der SPD kommen.

Politische Börsen haben in der Regel «kurze Beine»

Die Regierungsbildung dürfte einige Zeit benötigen. Vor vier Jahren dauerten die Sondierungsgespräche zwischen den Parteien und die nachfolgenden Koalitionsverhandlungen 172 Tage – also fast ein halbes Jahr.

Unsicherheit ist schlecht für die Börse. Da es sich bei den drei möglichen Regierungs­optionen aber um keine politische Revolution handelt, werden sich die Auswirkungen auf die Finanzmärkte in engen Grenzen halten. Das Programm der künftigen Regierung wird auf Kompromissen beruhen. Klar ist aber, dass der ökologische Umbau der grössten Volkswirtschaft Europas weitergehen wird. Die Förderung von erneuerbaren Energien, E-Mobilität und alternativen Antrieben werden im Zentrum der Wirtschaftspolitik stehen. Dass dies ohne höhere Steuern und Abgaben möglich sein wird, ist eher unwahrscheinlich. Herausfordernd wird die kommende Legislaturperiode somit allemal – ganz egal welche Farbe die neue Bundesregierung haben wird.  

Für die mittelfristigen Aussichten an den Aktienmärkten ist der weitere Verlauf der Corona-Pandemie, die Wirtschaftsentwicklung sowie die globale Geldpolitik entscheidend. Politische Börsen haben in der Regel nämlich «kurze Beine». Anlagetaktisch ergibt sich aus den Bundestagswahlen entsprechend für uns kein Handlungsbedarf.  

Durchzogene Bilanz

Der deutsche Aktienindex konnte in der Ära Merkel nicht mit dem Weltindex mithalten.

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Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office