Anlageguide – Der Wegweiser für Ihr Vermögen

Anlageklasse des Monats: Obligationen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Finanzmärkte im Juli auf weitere geldpolitische Lockerungsmassnahmen eingestimmt. Bevor EZB-Präsident Mario Draghi Ende Oktober abtritt, dürfte er nochmals in die Trickkiste greifen.

Bei der Zinsschraube besteht nur noch wenig Spielraum

Von «whatever it takes» zu «whatever is left» – so oder so ähnlich könnte man die Situation beschreiben, in die sich die Europäische Zentralbank (EZB) unter der Führung von Mario Draghi hineinmanövriert hat. Dass der Italiener kurz vor der Stabübergabe an seine Nachfolgerin, Christine Lagarde, im Herbst nochmals in die geldpolitische Werkzeugkiste greifen wird, ist höchst wahrscheinlich.

Denn erstens sind die Inflationserwartungen im Euroraum – zumindest in den Augen der EZB – viel zu tief. Zweitens hat die US-Notenbank Fed im Juli mit ihrer Zinssenkung eine entsprechende Vorlage geliefert. Und drittens haben diverse EZB-Ratsmitglieder in den vergangenen Wochen genügend verbale Vor(spur)-Arbeit geleistet. Die Frage lautet daher nicht ob oder wann, sondern vor allem was da wohl noch so an geldpolitischen Stimuli kommen kann.

Eine Stellschraube, an welcher noch etwas gedreht werden kann, ist der Einlagezinssatz. Dieser liegt momentan bei 0.4 %. Somit besteht nicht zuletzt auch im Vergleich mit anderen europäischen Notenbanken noch etwas Luft nach unten. Allerdings nicht viel, denn ein massgeblicher (Leit-)Zins von –1 % dürfte für Notenbanker generell – und auch für die Schweizerische Nationalbank (SNB) – langfristig wohl die Negativzins-Schmerzgrenze darstellen. Realistischerweise sind von der EZB in näherer Zukunft daher nur kosmetische Zinssenkungen von 10 bis 20 Basispunkten zu erwarten.

Bei der Zinsschraube besteht nur noch wenig Spielraum

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

EZB-Bilanz dürfte bald weiter wachsen

Etwas mehr als blosse Kosmetik wären hingegen erneute (Netto-)Anleihekäufen. Gemäss Mario Draghi gäbe es für solch ein europäisches «QE2» genügend Raum. Und tatsächlich sind die Hürden dafür relativ klein. Zwar darf die Zentralbank derzeit nur maximal ein Drittel der Anleihen eines einzelnen EU-Landes aufkaufen – ein Limit, welches bei einigen Ländern schon so gut wie erreicht ist. Das Papier, auf dem diese Regel steht, lässt sich jedoch leicht umschreiben ... Wir gehen daher davon aus, dass die aktuell stagnierende Bilanz der EZB früher oder später weiter wachsen wird.

EZB-Bilanz dürfte bald weiter wachsen: EZB-Bilanzsumme (in % des Bruttoinlandsprodukts)

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Inwieweit diese zwei Massnahmen oder auch das unter dem Stichwort «forward guidance» bekannte Verschieben der ersten Zinserhöhung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag einen konjunkturellen Impuls liefern oder gar einen nachhaltigen Anstieg der Teuerungserwartungen begünstigen werden, erscheint uns mehr als fragwürdig. Die Finanzierungskonditionen für Unternehmen und Verbraucher im Euroraum sind auch heute schon extrem günstig. Weitere Massnahmen dürften daher weitgehend verpuffen und bestenfalls dass extreme Tiefzinsumfeld weiter zementieren. Doch selbst diese Medaille hat eine Kehrseite: Im Falle der nächsten Rezession hätte die EZB endgültig ihr Pulver verschossen.