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Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

14.01.2026

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile

Raiffeisen Chefökonom

Blind

Die Technologie birgt grosse Potenziale, um die Probleme unserer Zeit zu lösen. Doch die technologische Entwicklung ist keine Einbahnstrasse. Mitunter verdrängt sie unsanft auch zentrale Errungenschaften, die eigentlich keiner missen möchte.


Wie KI unsere Beziehung zu Bildern verändert

Es gab eine Zeit, da genügte ein Blick, um Gewissheit zu haben. Ein Foto war ein Beleg, ein Video ein Argument, eine visuelle Aufzeichnung ein stiller Zeuge. Bilder galten als unmittelbarer Zugang zur Wirklichkeit, als Abkürzung zur Wahrheit. Natürlich wussten wir um Retuschen oder Inszenierungen, um Objekte möglichst vorteilhaft darzustellen. Doch der Aufwand, Bildmaterial zu fälschen, war sehr hoch, und die Spuren der Manipulation in der Regel leicht zu identifizieren. Genau diese implizite Hürde verlieh Bildern ihren besonderen Wahrheitsgehalt. Diese Gewissheit beginnt sich aufzulösen – getrieben von der rasanten Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz (KI).


Maschinen haben rasch dazugelernt

Zu Beginn waren von KI erzeugte Bilder kaum mehr als Kuriositäten. Zu viele oder zu wenige Gliedmassen, insbesondere Finger, entlarvten unechte Bilder sofort. Das war beruhigend. Die Maschine blieb dem Menschen unterlegen. Doch diese Phase währte nur kurz. Mit jeder Generation der Sprachmodelle verschwanden die Artefakte, lernten die Maschinen Anatomie, Physik, Licht und Perspektive. Heute entstehen Bilder, die selbst geschulte Augen nicht mehr zuverlässig von Fotografien unterscheiden können. Gleiches gilt für Videos. Bewegungen wirken natürlich, Stimmen authentisch, Mimiken glaubwürdig. Mitunter lässt sich selbst der eigene KI-Avatar kaum noch vom Original unterscheiden. Der entscheidende Punkt ist, dass KI eine visuelle Realität simuliert und sich dabei nicht mehr verrät. Der Unterschied zwischen echt und künstlich ist erodiert. Damit ist eine Schwelle überschritten.


Bildbasiertes Gedächtnis

Der Mensch ist ein visuelles Wesen. Wir speichern Informationen bevorzugt als Bilder, ein grosser Teil unseres Gedächtnisses ist bildgesteuert. Wir erinnern uns weniger an abstrakte Fakten als an Szenen, weniger an Zahlen als an Gesichter. Bilder brennen sich ein, weil sie Abstraktes konkret machen. Genau deshalb hatten Fotografien und Videos stets eine Sonderstellung. Sie galten als Verdichtung von Realität. Bilder konnten je nach Blickwinkel zwar auch lügen – aber nicht beliebig. Es musste zumindest etwas vorhanden sein, das in Grundzügen existierte. Mit generativer KI fällt diese Bedingung weg. Bilder benötigen kein reales Gegenüber mehr. Sie entstehen aus Wahrscheinlichkeiten, nicht aus Ereignissen. Heute lässt sich alles, was statistisch wahrscheinlich ist, auch künstlich fabrizieren, selbst wenn es nie geschehen ist. An Grenzen stösst KI nur dort, wo Vorlagen – also Trainingsdaten – fehlen. Ein Bild, auf dem ein Pferd auf einem Reiter sitzt, bereitet der KI noch Schwierigkeiten, da sie in ihrem riesigen Trainingsdatensatz kein solches Motiv findet.


Die Erosion des visuellen Wahrheitsvertrages

Über Jahrzehnte hinweg galt der stillschweigende Vertrag, dass Bilder zwar nicht gleich Wahrheit sind, aber der Wahrheit doch näherstehen als Worte. Dieser Vertrag ist nun gekündigt worden. Das Problem ist nicht die Existenz gefälschter Bilder an sich. Das wirklich Zersetzende ist die Ununterscheidbarkeit. Wenn selbst Experten nicht mehr sicher sagen können, ob ein Bild real oder künstlich ist, verliert der Mensch seinen Glauben an das Bild. Es wird zu einer Behauptung unter vielen, allerdings einer mit hohem Manipulationspotenzial. Damit verändert sich auch der Status des Sehens selbst. Sehen bedeutet nicht länger: Es hat stattgefunden.


Die Frustration permanenter Skepsis

Aus dieser Entwicklung erwächst eine neue Form der Frustration. Bei jedem Bild, bei jedem Video stellt sich unweigerlich die Frage nach der Echtheit. Die permanente Skepsis ist anstrengend. Mit der schieren Informationsflut der digitalen Revolution konnte man noch zurande kommen, doch nun bleibt nur noch eine Bilderflut, die im schlimmsten Fall mit keinerlei Informationsgehalt einhergeht. Plattformen wie etwa Pinterest, auf welchen sich Nutzerinnen und Nutzer austauschten, um Reparaturen auszuführen, Möbel zusammenzubauen oder Bastelideen umzusetzen, verlieren an Nützlichkeit. Denn zunehmend tauchen dort KI-Bilder auf von Möbeln, die der Statik widersprechen, oder von Bastel­-ideen, die in der Realität gar nicht umsetzbar sind.


Wenn Bilder ihren Zweck verlieren

Bilder verlieren damit ihre Bedeutung als Informationsquelle. Ist ihr Wahrheitsgehalt nicht mehr einschätzbar, verlieren sie ihre Funktion als Beleg. Und wenn eine Information nicht mehr verifizierbar ist, wird sie wertlos. Warum ein Video teilen, wenn es genauso gut erfunden sein könnte? Fake bezieht sich längstens nicht mehr nur auf News, sondern auf Bilder, Videos und auch Ton. Warum hinschauen, wenn das Gesehene keine verlässliche Verbindung zur Wirklichkeit mehr hat? Bilder werden dadurch zu blosser Ästhetik, zu Unterhaltung, zu Dekoration degradiert – entkoppelt von der Realität. Paradoxerweise waren Bilder technisch noch nie so perfekt und gleichzeitig informationstechnisch so wertlos. Das markiert einen kulturellen Wendepunkt. Vor 187 Jahren schenkte die Geburtsstunde der Fotografie den Menschen Bilder, mit denen sie Wirklichkeit festhalten konnten. Diese Errungenschaft müssen wir im Zuge der technologischen Entwicklung wieder preisgeben. Ein schmerzhafter Verlust, der möglicherweise auch unser Verhältnis zur Wirklichkeit verändert. Bilder gibt es zwar weiterhin, doch hinsichtlich Wirklichkeit hat uns die KI erblinden lassen.

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile

Raiffeisen Chefökonom

Seit 2023 ist Fredy Hasenmaile Chefökonom von Raiffeisen Schweiz und Leiter des Economic Research der Bank. Er analysiert mit seinem Team die globalen und Schweizer Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklungen und ist für die Einordnung des Wirtschaftsgeschehens sowie die Prognose von wirtschaftlichen Schlüsselkennzahlen verantwortlich.