Anlageguide – Der Wegweiser für Ihr Vermögen

Ausblick 2022 – Im Zeichen der Normalisierung

Für 2022 rechnen wir mit einer Normalisierung. Nach der sehr starken Erholung im vergangenen Jahr, wird die Wachstumsdynamik nachlassen. Dies gilt sowohl für die Konjunktur als auch die Entwicklung der Gewinne. Zudem wird die Geldpolitik restriktiver, was zu leicht höheren Zinsen führen wird. Unter dem Strich werden sich auch die Portfoliorenditen normalisieren. Die Brötchen werden 2022 also etwas kleiner gebacken.

Zurück zur Normalität – Die Wachstumsraten nehmen ab

Anlegerinnen und Anleger benötigten seit dem Corona-Ausbruch starke Nerven. Die Finanzmärkte bewegten sich auf einer wilden Achterbahnfahrt, verzeichneten 2021 wiederholt Höchststände und legten prozentual zweistellig zu. Konjunkturell konnte sich die Weltwirtschaft nach der Rezession in Folge der Corona-Pandemie wieder erholen. Aber wie geht es nun weiter? Wie entwickeln sich die Konjunktur und die Zinsen? Auf welche Anlageklassen sollten Anleger setzen? Wo gibt es Chancen? Welches sind die grössten Risiken? 

Um es vorwegzunehmen: 2022 steht aus unserer Sicht im Zeichen einer Normalisierung. Diese bezieht sich sowohl auf die Konjunktur und die Gewinnwachstumsraten, die Inflation und die Zinsen als auch auf die Bewertungen und die Portfoliorenditen. Doch der Reihe nach. 

Die Weltwirtschaft ist 2021 um gut 5.5 % gewachsen und hat damit das Vorkrisenniveau wieder überschritten. Für 2022 rechnen wir mit einem Plus von 3.9 %. Vor allem in China nimmt die Wachstumsdynamik deutlich ab. Die von der Regierung beabsichtigte «Ausbalancierung» des Wohlstands sowie die Reduktion des Kreditwachstums bremsen vor allem den wichtigen Immobiliensektor ein. Die Episode um den Immobilienentwickler Evergrande hat gezeigt, wie fragil die Situation im Reich der Mitte ist. Auch in den USA dürfte das Wirtschaftswachstum deutlich moderater ausfallen. Fiskalpolitisch wird weniger Geld in die Wirtschaft fliessen, umso mehr als die von Joe Biden versprochene «Build Back Better»-Initiative (wohl) gescheitert ist. Aufgrund wegfallender Basiseffekte wird auch das Wachstum in Europa und der Schweiz etwas an Dynamik einbüssen, bleibt aber insgesamt robust.

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP)

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Weiterhin ein heisses Thema ist die Inflation. Zwar erwarten wir auch hier eine gewisse Normalisierung ab der zweiten Jahreshälfte. Dennoch dürfte die Teuerung im Jahresverlauf über den Zielwerten der Notenbanken liegen. Entsprechend rechnen wir mit einer restriktiveren Geldpolitik. Einige Notenbanken, darunter die Bank of England (BoE), haben bereits im vergangenen Jahr an der Zinsschraube gedreht. In diesem Jahr ist unter anderem die US-Notenbank Fed an der Reihe. Wir gehen aktuell von zwei Zinserhöhungsschritten aus.

Mit der restriktiveren Geldpolitik werden sich auch die Zinsen nach oben bewegen. In den USA erwarten wir eine Parallelverschiebung der gesamten Zinskurve um 50 Basispunkte, was zu einem Zinsanstieg bei den 10-jährigen Staatsanleihen in Richtung 2 % führen wird. Beim Schweizer Pendant, den Eidgenossen, gehen wir bei der gleichen Laufzeit von einem Renditeanstieg von derzeit -0.15 % auf 0.1 % aus. Steigende Zinsen bedeuten Kursverluste bei den Anleihen. Renditetechnisch bleiben Obligationen unattraktiv, weshalb wir die Anlageklasse weiterhin «stark untergewichten». Einzig aus Diversifikations- und Risikoüberlegungen haben Anleihen eine gewisse Berechtigung in einem breit diversifizierten Portfolio. 

Margen auf Rekordniveaus – Steigende Produzentenpreise und Zinsen als Spielverderber

Aktienanleger sollten die starke Performance im vergangenen Jahr nicht unisono in die Zukunft extrapolieren, obwohl das konjunkturelle Umfeld insgesamt unterstützend bleibt. Basierend auf unseren Prognosen beläuft sich das nominelle Weltwirtschaftswachstum auf 7 %. In diesem Rahmen können also die Umsätze der Unternehmen zulegen. Wenig Raum bleibt hingegen für eine weitere Margenexpansion. Vor allem die steigenden Lohnkosten und Produzentenpreise sprechen im besten Fall für stabile Gewinnmargen.

US-Gewinnmargen und Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Luftige Bewertungen sprechen für moderatere Renditen

Global erwarten wir deshalb ein Gewinnwachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich – solid, aber deutlich weniger als die rund 30 % vom vergangenen Jahr. Hinzu kommt, dass die von uns prognostizierten leicht steigenden Zinsen zu einer moderaten Bewertungskontraktion führen sollten. Die Aktienmarktbewertungen befinden sich noch immer deutlich über den langfristigen Durchschnittswerten, dürften sich diesen aber wieder schrittweise annähern. Unter dem Strich bedeutet dies bescheidene Kurssteigerungen auf Indexebene. Dadurch rücken 2022 Titelselektion und Dividenden in den Fokus.

Aktuelles Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des MSCI World Index und langfristiger Durchschnitt

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Verhalten optimistisch bleiben wir für den Schweizer Immobilienmarkt. Zwar rechnen wir auch hierzulande mit leicht steigenden Kapitalmarktzinsen. Diese werden sich aber, aufgrund des starken Wettbewerbs, nicht 1:1 bei den Hypothekarzinsen bemerkbar machen. Damit sollten sich die (Re-)Finanzierungsmöglichkeiten nicht nennenswert verschlechtern. Hinzu kommt, dass die Angebots-Nachfrage-Situation weiterhin angespannt bleibt und daher die Immobilienpreise kaum korrigieren werden. Schweizer Immobilienfonds erachten wir deshalb als Beimischung – trotz hoher Agios – weiterhin als attraktiv. 

Auch Gold empfehlen wir weiterhin als Portfoliodiversifikator. Die Realzinsen werden aufgrund der hohen Inflation im negativen Bereich bleiben. Zudem bietet das gelbe Edelmetall eine gute Absicherung vor unerwarteten Ereignissen. 

Für das laufende Jahr sollten sich Anlegerinnen und Anleger insgesamt auf etwas tiefere Renditen einstellen. Mit einem ausgewogenen Portfolio konnte man in den letzten zehn Jahren durchschnittlich rund 7 % verdienen. Für die kommenden Jahre sind 3 % bis 4 % wohl realistischer. Eines ist aber klar: Geld auf dem Sparkonto bringt bis auf Weiteres keinen Ertrag. Im Gegenteil: Unter Berücksichtigung der Inflation schmilzt das Vermögen wie der Schnee an der Sonne. Wer einen längerfristigen Anlagehorizont und entsprechende Risikobereitschaft mitbringt, kommt am Thema «Anlegen» auch in Zukunft nicht vorbei. Unsere Anlageberaterinnen und Anlageberater werden Sie dabei weiterhin gerne umfassend und kompetent beraten.

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Der «Recency Bias» ist einer der kognitiven Denkfehler, welcher in der Verhaltensökonomie beschrieben wird. Einfach erklärt werden dabei die jüngsten Entwicklungen gegenüber den historischen überbewertet und in die Zukunft extrapoliert. Auch Anleger unterliegen dieser Tendenz. 2021 sind die Aktienmärkte um rund 20 % gestiegen. In den letzten zehn Jahren konnte man mit einem Investment in den Weltaktienindex (MSCI World) pro Jahr 13 % verdienen. 

Historisch liegt die Durchschnittsrendite allerdings bei knapp 8 %. Natürlich würden wir uns alle freuen, wenn die Aktienrenditen auch in den kommenden Jahren im zweistelligen Bereich liegen würden. Steigende Zinsen, hohe Bewertungen und eine abnehmende Wachstumsdynamik sprechen allerdings für moderatere Erträge. Dies ist jedoch kein Grund, um nicht investiert zu sein. Denn Geld auf dem Konto liegen zu lassen und damit einen laufenden Kaufkraftverlust hinzunehmen, ist keine vielversprechende Alternative. Auch 2022 nicht.

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz