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Im Land des Drachens – Der Aufstieg Chinas geht weiter

Der Aufstieg Chinas geht scheinbar unaufhaltbar weiter. Die Entwicklung ist dabei eng an die wirtschaftspolitische Agenda der Zentralregierung geknüpft. Auch im aktuellen Fünf-Jahres-Plan sind die Weichen auf Wachstum gestellt. Bald dürfte China die USA als grösste Volkswirtschaft der Welt ablösen.

Der rasante Aufstieg Chinas geht ungebremst weiter

Am 12. Februar wurde mit dem chinesischen Neujahresfest das Jahr des Büffels eingeläutet. Der Büffel steht symbolisch für Entschlossenheit, Kraft, Fleiss und Zuverlässigkeit. Zuverlässig lief im anspruchsvollen 2020 auch der chinesische Wirtschaftsmotor. Die entsprechende Zahl lautet: 2.3%. Um diesen Wert ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in China im vergangenen Jahr gestiegen. Das ist für chinesische Verhältnisse eine bescheidene Wachstumsrate. Angesichts der grassierenden Corona-Pandemie überrascht der positive Wert dennoch positiv. Weltweit mussten die meisten Volkswirtschaften nämlich einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung hinnehmen. Das Reich der Mitte konnte somit entgegen diesem Trend seinen Aufstieg fortsetzen und den Anteil am globalen BIP weiter ausbauen. Kaufkraftbereinigt beläuft sich der Wert schon bald auf ein Fünftel. Im Vergleich zum chinesischen Drachen sieht die Schweiz mit ihrem Anteil von rund 0.5% wie ein kleiner Zwerg aus. 

Anteil Chinas am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit Raiffeisen Schweiz Prognose

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die Entwicklung in China ist eng mit der wirtschaftspolitischen Agenda der Zentralregierung verknüpft. Im Rahmen der sogenannten Fünfjahrespläne wird die Wirtschaftsentwicklung vom Politbüro in Peking gezielt gesteuert. Aktuell läuft der 14. Plan mit dem Ziel, die chinesische Wirtschaft unabhängiger vom Ausland zu machen. Dies ist letztlich eine Antwort auf die Handelsstreitigkeiten mit den USA, welche in hohen (gegenseitigen) Strafzöllen mündeten. Wie stark auch China vom Ausland abhängig ist, zeigt sich beispielsweise im Technologiesektor bei den Computer-Chips. Ein Grossteil davon wird aus Taiwan, Südkorea oder den USA importiert. Peking will deshalb in den kommenden fünf Jahren verstärkt solche Schlüsselindustrien im eigenen Land fördern und weiter aufbauen. 

Seit längerem versucht die chinesische Regierung zudem den Binnenmarkt und den Konsum anzukurbeln mit dem Ziel, die Abhängigkeit von der Exportwirtschaft weiter zu reduzieren. Trotzdem ist Chinas Wirtschaft immer noch sehr stark auf die Industriefertigung und eine hohe Exporttätigkeit ausgerichtet. Gleichzeitig ist China bestrebt, seinen internationalen Einfluss weiter auszuweiten. Dazu gehört beispielsweise die «One Belt, One Road» Initiative. Dabei sollen weltweit neue Handelsrouten nach dem Vorbild der alten Seidenstrasse errichtet werden. China unterstützt die partizipierenden Staaten dabei mit grosszügigen Investitionshilfen, sichert sich aber im Gegenzug Beteiligungen an Infrastrukturanlagen wie Häfen, Eisenbahnlinien, Flughäfen und Strassen. Natürlich ist das Projekt klar von Eigeninteressen geprägt. Peking will so die Handelsrouten für die eigenen Exporte unter Kontrolle bringen. 

Chinas Gewicht in den Schwellenländer – Indizes wird weiter steigen

In der Vergangenheit hat die chinesische Führung jeweils konkrete quantitative Wachstumsziele gesetzt. Nachdem im letzten Fünfjahresplan ein jährliches BIP-Wachstum von 6.5% als Zielgrösse formuliert wurde, hält man sich diesbezüglich aufgrund der Unsicherheiten für die laufende Periode bedeckt. Ökonomen rechnen aber mit einem jährlichen Plus von rund 5%. Damit ist der Weg – auch in absoluten Werten – die USA als grösste Volkswirtschaft der Welt abzulösen, klar vorgezeichnet. Mit der weiteren Öffnung der Finanz- und Kapitalmärkte dürfte China in Zukunft auch im Portfoliokontext eine immer wichtigere Bedeutung erhalten. Bereits jetzt ist China im MSCI Emerging Markets Index mit einem Gewicht von 41.5% vertreten und dieser Wert wird weiter steigen.  

Aufteilung des MSCI Emerging Markets Index nach Ländern

Quellen: MSCI, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Das totalitäre System als Unsicherheitsfaktor

Wo es Chancen gibt, gibt es aber auch Risiken. Der chinesische Aktienmarkt zeichnet sich durch eine sehr hohe Volatilität aus. So hat sich der China Securities Index 300 (CSI 300) im Zeitraum von Juni 2014 bis Juni 2015 mehr als verdoppelt, nur um dann innert kürzester Zeit wieder um fast 50% einzubrechen. Erst Anfang dieses Jahres konnte der damalige Höchststand wieder übertroffen werden. Hinzu kommen politische Risiken: Die Wirtschaft wird vom Staat gelenkt und kontrolliert – dies gilt insbesondere für die grossen Staatsunternehmen. Gleichzeitig ist die Regierung bestrebt, den Privatunternehmen genau auf die Finger zu schauen und deren Macht und Einfluss nicht allzu gross werden zu lassen. 

Das jüngste Beispiel von Jack Ma, dem Gründer des Techgiganten Alibaba, ist nur eines von vielen. Kurz nachdem Ma im vergangenen Jahr den Börsengang von Ant Financial (dem Finanzarm von Alibaba) ankündigte, griff die Regierung ein. Nicht nur der Börsengang wurde abgesagt, sondern auch Jack Ma verschwand für einige Wochen von der Bildfläche. Anleger müssen sich also bewusst sein, dass willkürliche Verstaatlichungen oder Reglementierungen von Privatunternehmen jederzeit möglich sind. China ist entsprechend meilenweit von einer freien Marktwirtschaft entfernt. Dasselbe gilt übrigens auch für die politischen Rechte: Auf dem Demokratieindex befindet sich China auf Rang 151 von 167 Ländern.

Demokratieindex 2020, in Punkten

Quellen: The Economist, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die chinesischen Aktienmärkte sind fulminant ins Jahr 2021 gestartet. Und dies obwohl das Finanzhoroskop für das Büffel-Jahr nicht sehr gut ist. Büffel sollten demnach risikoreiche Investitionen vermeiden, sparsam sein und versuchen, so wenig wie möglich zu kaufen. Was chinesische Aktien betrifft, scheinen die Anleger aber bislang diese horoskopischen Warnungen in den Wind zu schlagen.

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Seit dem Corona-Tief Ende März 2020 hat der chinesische Aktienmarkt bereits wieder um fast 65% zugelegt und ist zuletzt auf ein Allzeithöchst geklettert. Kurzfristig ist daher mit einer Konsolidierung zu rechnen. Für langfristig orientierte Anleger bietet China aber interessante Anlagemöglichkeiten und Chancen. Neben Direktanlagen in Hongkong oder Investitionen in chinesische Aktienfonds oder ETF gibt es auch die Möglichkeit, indirekt an der wirtschaftlichen Dynamik zu partizipieren. Viele Schweizer Unternehmen erzielen bereits heute hohe Umsätze und Erträge im Reich der Mitte. 

Besonders hervorzustreichen sind in diesem Zusammenhang die beiden Luxusgüterkonzerne Richemont und Swatch. Während Ersterer rund 40% der Umsätze in Asien (und dabei hauptsächlich in China) erzielt, liegt der Umsatzanteil des Uhrenherstellers im Reich der Mitte bereits bei über 50%. Auch der Liftbauer Schindler ist bereits seit 40 Jahren in China tätig und konnte von der Urbanisierung und dem starken Wachstum profitieren. Heute ist China hinter den USA der wichtigste Markt für den Konzern aus Ebikon. So oder so, für Anleger führen verschiedene Wege nach China.

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz