Märkte & Meinungen

Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

Der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken hält an. Was den Einkaufstrip in der nahen Eurozone für Konsumenten attraktiv macht, stellt die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor ein echtes Dilemma.

Chart der Woche

Realzinsen im freien Fall

10-jährige US-Staatsanleihen, reale Rendite

Realzinsen im freien Fall

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Zieht man von der nominalen Rendite einer Anleihe die Inflation ab, so erhält man ihre reale Rendite. Die expansive Geldpolitik der US-Notenbank Fed hat die realen Renditen von amerikanischen Staatsanleihen auf eine rasante Talfahrt geschickt. Zuletzt wurde gar bei -1.02 % ein Allzeittief erreicht – vor 10 Jahren betrug die reale Verzinsung noch über 1 %.

Aufgefallen

Kleidung billiger, Velo-Service teurer

Laut Bundesamt für Statistik (BFS) haben sich die Schweizer Konsumentenpreise im Juli im Vergleich zum Vormonat um 0.2 % verbilligt – gegenüber dem Vorjahresmonat betrug die Teuerung -0.9 %. Besonders beim Kauf von Kleidung und Schuhen konnten die Konsumenten zuletzt von einem massiven Preisverfall profitieren (-7.2 %). Deutlich teurer sind hingegen Flugreisen (5.8 %) sowie der Unterhalt von Fahrrädern (8.5 %) geworden.

 

Auf der Agenda

1. Bundesratssitzung nach dem Sommer

Am 12. August wird der Bundesrat erstmals seit Anfang Juli wieder zusammentreten. Die Corona-Pandemie dürfte ein wichtiges Traktandum sein.

Währungsmanipulator – ein Schweizer Dilemma

Bis Ende der 90er Jahre hat sich so manchen Samstag eine Blechlawine von München über den Brennerpass nach Südtirol gewälzt. Viele Bayern haben sich dabei nicht nur auf einen Teller Schlutzkrapfen auf der Seiser Alm gefreut, sondern auch darauf, den heimischen Kühlschrank dank der schwachen Lira günstig auffüllen zu können. Die Einführung des Euro schob jenem Einkaufstourismus einen Riegel vor. Aber wie so oft im Leben wiederholt sich die Geschichte – einfach zu anderer Zeit und an anderer Stelle. Heute strömen nicht mehr die Bayern Richtung Süden, sondern die Schweizer Richtung Norden. Süddeutsche Kleinstädte wie Konstanz oder Friedrichshafen haben sich dank des starken Schweizer Frankens zu regelrechten Shoppingdestinationen entwickelt. Ein Ende dieses Szenarios ist derzeit nicht absehbar: Eine nachhaltige Aufwertung des Euro ist angesichts der Corona-Pandemie und der Staatsschuldenproblematik in der Eurozone wenig realistisch. Zugleich dürfte die SNB weiterhin all ihre Instrumente nutzen, um ein Absinken des EUR/CHF-Wechselkurses unter 1.05 zu verhindern.

Wechselkurse sind von grosser Bedeutung. Sie steuern sowohl Handelsströme als auch -volumen – wie das oben skizzierte Beispiel verdeutlicht. Sie nehmen so direkten Einfluss auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Daher untersucht das US-Finanzministerium halbjährlich, ob sich die 20 wichtigsten Handelspartner der USA in Bezug auf ihre Wechselkurspolitik fair verhalten. Konkret geht es darum, dass sich keines der Länder Handelsvorteile verschafft, indem es durch Deviseninterventionen seine Währung gezielt auf- oder abwertet. Zur Definition eines sogenannten Währungsmanipulators haben die US-Behörden drei Kriterien aufgestellt: Erstens, der Handelsüberschuss eines Landes mit den USA darf über zwölf Monate betrachtet maximal 20 Milliarden US-Dollar betragen. Zweitens, der Leistungsbilanzüberschuss darf die Schwelle von 2 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) nicht übersteigen. Und drittens, einseitige Deviseninterventionen während mehr als sechs Monaten werden höchstens bis zu einer Höhe von 2 % des BIP toleriert. Sollte ein Land zwei dieser Kriterien erfüllen, so steht es fortan unter Beobachtung der Behörden in Washington. Erfüllt es alle drei, gilt es als Währungsmanipulator und muss mit Sanktionen – etwa Handelszöllen – rechnen.  

Der Schweizer Leistungsbilanzüberschuss der letzten vier Quartale betrug 11.2 % des BIP. Die 12-Monats-Handelsbilanz wies per Ende Mai gegenüber den USA ein Plus von fast 44 Milliarden US-Dollar aus. Damit sind zwei von drei Schwellenwerten klar überschritten. Nicht ganz so eindeutig ist die Sachlage bei den einseitigen Deviseninterventionen: Je nach betrachtetem Zeitraum ist dieses Kriterium erfüllt oder nicht. Doch auch wenn die Schweiz im anstehenden Bericht des US-Finanzministeriums nochmals mit einem blauen Auge davonkommen sollte, so bleibt sie in ihrem Dilemma gefangen. Hält die SNB an ihrem derzeitigen Kurs fest, ist eine Deklaration als Währungsmanipulator nur eine Frage der Zeit. Zwar ist – gemessen an den Exporten – die Eurozone mit einem Anteil von über 30 % der wichtigste Handelspartner (USA: rund 15 %), dennoch würden die drohenden Sanktionen die heimische Wirtschaft ausbremsen. Lässt hingegen die SNB den Franken – entgegen unserer Meinung – aufwerten, so würde der daraus entstehende Wettbewerbsnachteil die Exportwirtschaft massiv unter Druck setzen und wohl manches KMU in den Ruin treiben. Egal wie wenig verlockend beide Optionen sein mögen – letztlich ist es eine Sache, eine Wahl treffen zu müssen, eine ganz andere aber, wenn man nie eine Wahl gehabt hätte.